Wladiwostok, 7. Dezember 1999

10. Rundbrief



Liebe Freunde!
Beginnen wir also mit unserer Pauluskirche.
Doch jetzt zu den “lebendigen Steinen“.
Zu einzelnen Personen.
Andere Kirchen und unser Verhältnis zu ihnen.
Unsere Sozialarbeit.
Die Kultur.
Die Wirtschaft.
Die anderen Gemeinden der Propstei.
Besuche bei uns.
Dank an unsere Freunde und Helfer.
Von mir persönlich.




Liebe Freunde!


Diesen 10. Rundbrief möchte ich mit den Worten uns nahestehender Freunde beginnen. Eduard Kirschbaum schreibt in seinem Weihnachtsbrief, den wir am 12.1.1999 bekamen: “Lieber Manfred! Liebe Gemeinde! Die Nachrichten aus Rußland und Wladiwostok machen mich und meine Familie depressiv. Ich versuche gelassen zu sein, aber das gelingt mir nicht, weil vieles und viele Leute mich mit meiner früheren Heimat verbinden. Ich möchte auch hoffen dürfen, daß alle meine Freunde und Bekannten durch dich und in der Gemeinde auch weiterhin einen Halt für ihre Lebensbejahung immer finden. Ich umarme Euch alle herzlich. Gott segne Euch! Eduard“.
Am Tag vorher hatte mir eine rußlanddeutsche Frau gesagt: “Ich würde auf den Füßen nach Deutschland gehen, wenn ich gleich auswandern könnte, da werde ich wenigstens nicht bestohlen und brauche auf der Straße keine Angst zu haben“ - Das kann man konkretisieren: Vor einer Woche wurde eine unserer Gemeinde nahestehende Frau auf der Straße vor ihrem Haus so zusammengeschlagen, daß sie kurz darauf starb; der Mörder war 17 Jahre. Man könnte noch vieles hinzufügen. Aber wir leben hier, und wir leben hier gerne.
Zwar schreibt mein Freund Claus-Friedrich Dierking mir “Zum ersten Mal, so mein Eindruck, schleichen sich leichte Töne von Wehmut und Spannung in Deine Zeilen. Das kenne ich an Dir gar nicht, kann Deine Gefühle aber gut nachempfinden.“ Aber ich kann nur wiederholen: Hier leben wir, hier leben wir gerne, und hier leben wir schon seit mehr als 7 Jahren. Und in diesen 7 Jahren, in denen es fast überall nur bergab ging, ging es mit unserer Gemeinde und Kirche nur bergauf, ist sie gewachsen, aufgeblüht, hat Position und Gestalt gewonnen. Davor stehen wir mit Staunen und Dankbarkeit.

Konto der Ev.-Luther. Pauluskirche Wladiwostok in Deutschland: Ev.-Luther. Bethlehem-Gemeinde Hamburger Sparkasse BLZ 200 505 50 , Konto-Nr. 1205/121211 Verwendungszweck (unbedingt angeben): Gemeinde Wladiwostok

Meine Adresse in Hamburg: Langenfelderstraße 72, 22769 Hamburg Tel. 040/4900242

Und wahrscheinlich liegt das Geheimnis dieses Segens, der auf uns ruhte, in unserem kontinuierlichen, verläßlichen Bleiben bei den Menschen und beim Wort unserer Bibel.
Dazu schreibt uns unser Freund Dr. P. Uhl in seinem Weihnachtsbrief am 23.12.89: “Ich denke, Ihr treues Bleiben ist mit das Geheimnis, daß die Gemeinde so ermutigt und ermutigend lebt, wie sie lebt. Nicht zufällig ist das 'Bleiben' in der Sprache des Johannes so bestimmend 'Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm' (1. Joh. 4, 16 bzw. Joh. 6, 56) ... Oder Paulus 'Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe' (1. Kor. 13, 13). Auch Schiller wußte davon zu sagen: 'Die Leidenschaft flieht, die Liebe muß bleiben, die Blume blüht, die Frucht muß treiben'. Aus dem Bleiben, auch Ihrem und Silke Kucks Bleiben und dem Bleiben mancher anderer wächst Segen“.
Und unser großer amerikanischer Freund und Förderer Prof. Gerhard Krodel schreibt uns am 22.12.98: “We rejoice that in the midst of this dark and threatening situation and in spite of the emigration of leaders of your congregation to Germany, you had the courage to erect a golden cross on top St. Paul's church tower... It seems to me that this golden cross of the Lutheran Church in Vladivostok has tremendous symbolic significance, especially in your city with its past hatred of the cross of Christ.“

Beginnen wir also mit unserer Pauluskirche. Sie steht in der Mitte der Stadt und hat allein schon dadurch werbende Wirkung. Als am 1. April Walerij zu uns kam und sich später taufen ließ, nannte er zwei Gründe: “Ich will nicht zur orthodoxen Kirche, weil ich vor der Angst habe, bei Euch aber ist alles so persönlich“ und “Mir gefällt Eure schöne Kirche“.
Nun, schön ist sie wirklich, aber doch leider noch weitgehend in erbärmlichem Zustand. Immerhin: Das Dach und der Turm sind saniert, und mit dem schönen Kreuz dazu auf der Turmspitze bietet sie von außen schon ein Bild der Hoffnung und der Zukunft (Ihr kennt das von den Photos). Auch drinnen stehen unsere selbstgezimmerten Bänke und der Altar, und der Raum ist in all seiner Verfallenheit einfach schön und strahlt aus: Hier ist Kirche. Aber wieviel muß noch gemacht werden !
Wir haben Mitte diesen Jahres die Arbeiten aus Geldmangel erst einmal einstellen müssen. Die seit Ende letzten Jahres laufenden Bemühungen um Hilfe aus dem Fonds “Erhaltung und Renovierung deutscher Kulturdenkmäler im Ausland“ sind immer noch nicht zum erfolgreichen Abschluß gelangt, doch besteht weiter sehr begründete Hoffnung: Der deutsche Botschafter hat neulich wieder einmal dringlich in dieser Sache ans Bundeskanzleramt geschrieben. Auch bekamen wir in diesem Jahr eine Zusage auf Hilfe vonseiten des Lutherischen Weltbundes, für die Jahre 2000 und 2001, wofür wir sehr dankbar sind. Der dortige Europasekretär Olli Pekka Lassila hat für uns “gekämpft wie ein sibirischer Tiger“, wie er schrieb.
Die uns vom hiesigen Erfinder Titajew (wenn auch billig) verkaufte Patentheizung hat sich als ein Fehlschlag erwiesen. Wir gehen weitgehend frierend in unseren dritten Kirchenwinter. Aber trotz alledem: Unsere Kirche ist ein höchst lebendiges Gebäude, sie ist der Ort unserer regelmäßigen Gottesdienste, Morgen- und Abendandachten, von Abendmusiken, Konzerten, Vorträgen und anderen Treffen, auch unser Chor übt hier, demnächst soll sich in einem Raum die Jugend treffen. Immer wieder wird auch die Frage nach einer Orgel gestellt; die Russen lieben sehr Orgelmusik, sie gehört zu ihren größten Deutschlanderlebnissen nach dem Kriege.
Wir haben neulich unseren Prozeß um ein Stück Land direkt an der Kirche gegen die Technische Universität in dritter Instanz wieder gewonnen. Der Prozeß in zweiter Instanz fand in unserer Kirche, am Ort, statt und hatte wirklich etwas komische Züge: Als ich, von der Generalsynode zurückkommend, am 1.6. unsere Kirche betrat, saßen vor dem Altar drei Richterinnen im schwarzen Talar, fast wie lutherische Pastoren, und rechts und links auf Bankreihen gegenüber die streitenden Parteien, es war wie im Theater.
Am 21.12.1998 feierten wir das 90-jährige Jubiläum der Einweihung unserer Pauluskirche. Erzbischof Kretschmar und Bischof Sailer, der neue Leiter der Eparchie, waren zugegen, desgleichen auch Vertreter der Stadt und Landesregierung und der Universität und des Denkmalsamtes, denn unsere Pauluskirche ist eines der ältesten und schönsten Gebäude der Stadt. In der Kirche hatten wir eine Ausstellung zur Geschichte unserer Kirche und Gemeinde. Interessant dabei die Nebeneinanderstellung von zwei Photos aus dem Jahre 1908 und 1998: beidemale dieselbe Kirche, das gleiche Baugerüst, der gleiche Neuanfang! Die Besucher zeigten sich auch beeindruckt durch die Liste unserer ersten Gemeindemitglieder: der Mitbegründer unserer Stadt, Kontreadmiral Gustav von Erdmann, und der erste Gouverneur, von Unterberger, sowie Kunst und Albers und der legendäre Adolf Dattan sind dabei. Eine Kostbarkeit war das Konfirmationsphoto in unserer Kirche aus dem Jahre 1927 mit dem letzten Pastoren, meinem direkten Vorgänger, Woldemar Reichwald. Eine der Konfirmandinnen, Anna Petrowna, ist erst vor kurzem in Wladiwostok mit 88 Jahren gestorben. Wir haben dieses Dokument an einige unserer besten Freunde in aller Welt verschickt. Larry Hoffsiss hat darüber seine Konfirmationspredigt gehalten, und Bischof Maahs, Kansas, sagte, in seiner Central States Synod hätten sich so manche der dort siedelnden Rußlanddeutschen in dem Bild wiedererkannt.
Am 12.8. beerdigte ich Emma Stellasch, die Pflegetochter des letzten Pastoren unserer Pauluskirche W. Reichwald. Beim Gespräch auf der Beerdigungsgesellschaft erfuhr ich hinterher, daß sie später fanatische Kommunistin geworden sei und alle Dokumente und Bilder, die an ihren Pflegevater und seine Tochter Erika erinnerten, vernichtet hatte. Ich fand nur noch ein Photo von ihr als Konfirmandin im Jahre 1928, aber säuberlich aus dem Kirchenbild herausgeschnitten, nur der schwarze Talar ihres Pflegevaters war hinter ihr noch etwas erkennbar.
Wie sehr die Geschichte unserer Pauluskirche im Bewußtsein der Bevölkerung hier verankert ist, zeigt z.B. folgende kleine Geschichte: Am 27. Januar kommt ein alter Mann zu mir, um bei mir zu beichten; er bittet um Absolution dafür, daß er zusammen mit anderen Jungen im Verfolgungsjahr 1935, in dem auch Pastor Reichwald deportiert wurde, die Fenster unsere Kirche mit Steinen eingeschmissen habe.

Doch jetzt zu den “lebendigen Steinen“ (1. Petrus 2, 5) unserer Kirche, zu unserer Gemeinde und ihrem Leben. Es ist einfach eine Erfahrung der letzten 7 Jahre. Im Mittelpunkt der Gemeinde steht der Gottesdienst und das Leben miteinander, gemeinsame und geteilte Erlebnisse und das Gespräch über der Bibel. So ist unsere Gemeinde gewachsen, und daraus lebt sie. Einfache klassische Form. In dem Sinne sind wir eine offene Gemeinde mit Zentrum. Daß wir offen und im guten Sinne liberal sind, zieht viele Menschen an, daß wir dies Zentrum haben, wird selbstverständlich gezeigt und gelebt. Die beiden großen Volkskirchen des Landes ziehen andere Menschen an als wir. In der russisch-orthodoxen Kirche finden sich Nationale bis Nationalistische; auch leichter Aberglaube; die Baptisten sammeln Menschen, welche einfach und undiskutierbar klar gesagt haben möchten, wo es langgeht, und die eine enge verbindliche Lebensform suchen. Zu uns kommen Menschen, die die Freiheit des Denkens und Lebens nach der Befreiung von den alten Einschränkungen nicht wieder durch neue Gesetze eingeschränkt haben möchten, Menschen, die Gott und die Freiheit suchen. Eine leitende Frau in unserer Gemeinde sagte mir einmal nach dem Hören einer Predigt bei z.B. Brüdergemeinden: “Die reden ja wie unsere alten Parteifunktionäre.“
Das alles kann natürlich nur in aller Relativität und Bescheidenheit gesagt werden, aber gesagt werden muß doch etwas. Unsere Anziehungskräfte sind Gottesdienst, Predigt, Bibelarbeit, Musik und Kultur und Sozialarbeit und Menschlichkeit. Wir sind in Wladiwostok, soziologisch gesehen, eine Kirche des Mittelstandes (wie meist die lutherische Kirche). Das ist unsere Chance, denn Rußland braucht einen Mittelstand, aber auch unsere Schwäche, denn gerade der Mittelstand sinkt in Rußland ab. (Akademiker z.B. gehören zu den Ärmsten des Landes). Doch sind wir eine Kirche, die lebt, und haben, wie die lutherische Kirche seit je, starke volkspädagogische Tendenzen.
Diese pädagogische, 'aufklärerische' Tendenz unserer Arbeit zeigte sich z.B. bei der diesjährigen Feier des Reformationsfestes, das wir nach einem Festgottesdienst mit einem 'akademischen Abend' in unserer Kirche begingen. Sie war voll bis auf den letzten Platz. Fast alle christlichen Kirchen unserer Stadt waren vertreten, sogar die Orthodoxen. Außer mir sprach der Vertreter der römischen Kirche und einer der Landesregierung.
Wir konnten auch etwas vom Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Krause, verlesen. Wir gedachten auch des großen Tages in Augsburg, an der unsere ELKRAS durch die Festpredigt unseres Erzbischofs Kretschmar beteiligt war. Es war ein großer Tag, manche sagten hinterher: Was haben wir alles dazugelernt! Besonders schön und ermutigend aber war die Gemeinsamkeit der verschiedenen Konfessionen, da wieder besonders die mit der römischen Kirche. Wir alle empfanden es als einen Neuanfang, auf dem weitergemacht werden soll. (Im Januar z.B. werden wir jetzt einen gemeinsamen Gottesdienst mit der römisch-katholischen Kirche halten).
Im Juli hatten wir wieder unser großes Seminar für die Mitarbeiter und Aktiven aus den Gemeinden meiner Propstei (19.-24. Juli am Strand des Pazifik). Zusammen mit den 'Dozenten' waren wir 35 Teilnehmer. Wir freuen uns, daß wir alles mit eigenen Kräften aus unserer Propstei durchführen konnten, der einzige Dozent aus dem Ausland, Margit Pfister, zahlte seine Reise selbst. So konnten wir sparsam wirtschaften und können von dem zurückbehaltenen Geld nun im Januar noch ein kleines Seminar durchführen. Das nächste große Seminar wird dann 10 Tage, vom 10. bis 20. Juli, wieder in dem kleinen Holzhauscamp am Pazifik stattfinden. Diesmal wird unser Freund Pastor Daniel Biles, der schon recht gut Russisch spricht (er hat einmal sogar bei uns in der Pauluskirche gepredigt, 1.1.1998) als Dozent über Soziologie und Management in der Kirche dabeisein. Auch er wird seinen Flug von Amerika selbst bezahlen. Für die Finanzierung des Seminars sind wir dem Gustav-Adolf-Werk dankbar.
Unseren Pfingstengottesdienst hatten wir wieder in alter Tradition am Meer. Wie weit unsere Lieder und Liturgie schon ins Bewußtsein der Menschen gelangt sind, zeigte so schön die Hauseinweihung bei Familie Wall am 9. Mai: Wir konnten mit ihnen einen richtigen kleinen Hausgottesdienst feiern, bei dem mehrstimmig und zum Teil auswendig gesungen wurde. Überhaupt freue ich mich über das geistliche Leben in der Gemeinde. Unser Bibelkreis hat sich zu einem richtigen kleinen Predigerkreis ausgewachsen. Menschen wie Tatjana Jurtschenko, Wolodja Wagner, Nina Dmitriewa und Tatjana Bjelikowa vertreten mich voll im Gottesdienst mit Predigten, die jeder nach seiner eigenen originalen Sicht auf die Bibel anfertigt, während Chor und Isolda die Liturgie halten. So bin ich in meiner diesjährigen 6 1/2-wöchigen Abwesenheit (5 Wochen in Amerika bei unseren Freunden) von meiner Gemeinde voll und ganz vertreten worden. Irina und Nina haben darüber eine schöne kleine Photodokumentation in unserer Kirche aufgehängt '6 Wochen ohne unseren Pastor'. Solche Selbständigkeit der Gemeinde - da kann man nur froh und dankbar sein. Nina und Tatjana sind übrigens auf der Synode in Omsk im Oktober als Predigerinnen eingesegnet worden.
Intensiv waren wieder die Karwoche und Ostern, wir hatten Ostern etwas 130 Menschen im Gottesdienst. Im Gesamten gilt für das geistliche Leben wie für das Leben und Überleben in Rußland überhaupt: Die Depressiven einerseits und anderseits die, die so vieles besser wissen und besser machen wollen, die, die mit dem Lande hadern, die, die gegen dies Land anleben, sei es als ewige Kämpfer oder aktivistische Missionare, scheitern hier (ich habe es schon oft gesehen). Leben und Helfen tut der, in dem noch Lebensfreude, Licht und Liebe zu Land und Menschen ist; wer hier gibt, bekommt hier sehr viel wieder, man muß sich allerdings von diesem Land etwas geben lassen, zu lange Erholungsaufenthalte im westlichen Ausland schwächen nur (man konnte das bei unserer Isolda sehen, die dieses Jahr 2 1/2 Monate in Deutschland war).
Dieser ‚Kreislauf der Kraft' – geben und sich geben lassen – ist hier sehr lebenswichtig. Man darf sich nicht aus ihm herausfallen lassen. Wer in ihm lebt, kann, - allen zum Segen, - die Wahrheit des Jesuswortes in diesem Land besonders erfahren: Wer da hat (und das anderen fröhlich zeigt, sie daran teilhaben läßt), dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat… ( Math. 13, 12).

Zu einzelnen Personen. Die ‚Säulen' unserer Gemeindearbeit sind Euch zum großen Teil bekannt. Allen voran Irina und Ludmila. Irina, die kluge, treue und fleißige ‚Generalsekretärin' unserer Gemeinde und Propstei ebnet uns mit ihren diplomatischen Fähigkeiten so manche Wege. Manchmal mache ich mir Sorgen, daß sie sich überlastet; sie hat zu Hause noch ihren kranken Vater. Im Juni war sie als offizielle Delegierte unserer ELKRAS auf dem Kirchentag in Deutschland. Sie war darüber hinaus sicher eine gute Botschafterin unseres Fernen Ostens und hat manche Kontakte mit unseren Freunden in Deutschland gepflegt. Ludmila ist voll und ganz mit den Problemen unserer Kirche beschäftigt und darüber hinaus mit Sach-, Bau- und Kauffragen in den von uns neugegeründeten Gemeinden wie Ussurijsk und Arsenjew; auch in den komplizierten Fragen der Sozialarbeit hilft sie mit.
Unsere Silke Kuck hat uns nach fast 3 1/2-jähriger engagierter Tätigkeit am 8. März dieses Jahres leider verlassen müssen. Das ist natürlich ein großer Verlust, hat aber auch sein Gutes dadurch, daß die Gemeinde jetzt einfach mehr Selbsthilfekräfte entwickeln muß und tut. Ich suche seit langem nach einem Nachfolger für Silke, und es ist dabei die ungewöhnliche Situation entstanden, daß ich wohl das Geld dafür gefunden habe (Hannoversche Landeskirche), aber immer noch nicht den Menschen. Für unsere Lage bezeichnend: Es hat kaum einer mehr Lust, zu uns nach Rußland zu kommen und hier zu arbeiten; sowohl in Politik und Wirtschaft, wie in Tourismus und Kirche nimmt das Interesse für uns ab. Dem muß entgegengearbeitet werden! Manchmal denke ich: Da gibt es sicher so viele ‚rüstige Rentner' im Ausland. Da müßten sich doch Menschen finden, die Lust hätten, auf ihre alten Tage noch einmal das große Abenteuer ihres Lebens zu versuchen. Unsere Kirche kann gut mit solchen Menschen arbeiten, ein Beispiel ist unser Erzbischof Kretschmar, pensionierter Professor, ich jetzt auch, seit 1. September pensionierter Pastor. Könnt Ihr einmal Ausschau nach solchen ‚rüstigen Rentnern' halten?
Neue Mitarbeiterin bei uns seit Mai Tatjana Jurtschenko, studierte Ekonomistin; sie entlastet Irina in Fragen der Wirtschaft, des Rechts- und der sozialen Arbeit. Darüber hinaus ist sie in ihrer klugen, offen fragenden und verstehenden Art ein wertvolles Glied unseres Bibel- und Predigerkreises. Nach ihrer Teilnahme am Seminar in Mamontowka bei Moskau fuhr sie mit ihrem Freund Wolodja Wagner zum Besuch des Theologischen Seminars unserer ELKRAS nach St. Petersburg und ist sich seitdem in ihrem Wunsch klar, dort mit ihm zusammen Theologie zu studieren. Ich hab sie aus voller Überzeugung nur empfehlen können.
Isolda Semskowa, unsere 'Organistin' ohne Orgel war von August bis Oktober für 2 1/2 Monate in unserer Partnergemeinde Wendeburg bei Pastor Otto Pfingsten und lernte dort im Braunschweigischen das Orgelspiel. Eine große Freude war für uns die Ordination unseres Vikaren Iwan Tschernyschoff zum Pastoren durch Erzbischof Kretschmar in unserer Pauluskirche am 4. Advent 1998 und die darauf folgende Einführung zum Pastoren der lutherischen Mariengemeinde in Ussurijsk durch Bischof Sailer.
Vom 20.3.-28.4. hatten wir Sofia Uhlmann, Theologiestudentin vom Theologischen Seminar in St. Petersburg, bei uns als Praktikantin. Es war für uns alle eine schöne und fruchtbare Zeit, darüber hinaus auch ein bemerkenswertes historisches Zeichen: in unserer wiedererstandenen lutherischen Kirche in Rußland beginnen das neue Theologische Seminar und die wiedererstandenen Gemeinden zusammenzuwachsen.
Ein trauriges Kapitel ist seit je die Auswanderung. Im Februar verließ uns Dima Schröder mit Familie, der verdiente Kirchenvorsteher und Vorsitzende des Deutschen Kulturzentrums. Im Juli ging unsere Elvira Lengle, nachdem wir ihren Mann hier im vergangenen Jahr beerdigt hatten. Sie war eine der letzten eindrucksvollen Vertreterinnen der alten rußlanddeutschen Lutheraner aus volkskirchlicher (nicht bruderschaftlicher) Tradition, getauft und konfirmiert vom legendären Pastor Eugen Bachmann in Zelinograd, Kasachstan. Doch unsere Kirche und Gemeinde lebt und wächst, wir sind keineswegs eine deutsche Kirche, sondern lutherische Kirche in Rußland. Im Januar erfuhr ich, daß der Baptistenpastor Michael Martschenko mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert war, heimlich und überraschend, seine Gemeinde wußte nichts von seinem Vorhaben. Pastor Martschenko stand mir recht nah, - er war auch unter unseren Hochzeitsgästen und vor allem: Er begann seinen Dienst in Wladiwostok zusammen mit Pater Daniel von der römischen Kirche und mir im Jahre 1992. Nun ist einer von dieser ‚Neugründergeneration' davon.

Andere Kirchen und unser Verhältnis zu ihnen. Sehr gut ist das Verhältnis zur römischen Kirche, wie seit jeher. Wir haben den Abend zum Reformationsfest gemeinsam gestaltet, wir werden im Januar einen gemeinsamen Gebetsgottesdienst machen, in Fragen und Problemen der Politik und der Sozialarbeit beraten wir uns gegenseitig. Das Verhältnis zu der großen, traditionellen Baptistengemeinde, deren neue Kirche wir vor 1 1/2 Jahren mit einweihten, ist nach dem Weggang von P. Martschenko nicht mehr so dicht, aber gut. Recht aktiv sind hier die Presbytarianer und die Methodisten (beide mit koreanischem Personal und Geld). Frische Beziehungen bahnen sich an mit der jungen Baptistengemeinde Blagaja Westj auf Tschurkin (Pastor Alexander), die dort gerade ihre neue Kirche baut.
Das Verhältnis zur orthodoxen Kirche ist nach wie vor kompliziert bis offiziell nicht existent. Wenn man sich zufällig mit dem Provinzbischof Weniamin auf einem Empfang trifft, sagt man sich artige Worte und plaudert über den Heiligen Augustinus. Sonst geschieht auf dieser Ebene nichts als offizielle Ablehnung der Protestanten und Katholiken. Die Kirche stellt sich in der Öffentlichkeit als Hort des russischen Nationalismus dar (dabei gibt es auch bei uns russische Patrioten!). Auf ihrem Weihnachtskonzert hing an der Wand geschrieben “Heiliges Rußland“, und in seiner Rede sagte Weniamin: “Rußland wird nur durch den orthodoxen Glauben gerettet“. In diese allgemeine nationalistische Tendenz paßt ein Vorfall auf dem Morskje Kladbitsche, dem alten Hauptfriedhof. Als ich da eines schönen Tages mit meiner Frau spazieren ging und das Grab unseres alten Pastoren Carl-August Rumpeter besuchte, sah ich plötzlich, daß das westlich-lutherische Kreuz auf dem Grabmal des großen Geographen und Erforschers unseres Fern Ost, Wladimir Arsenjew, der bekanntermaßen ein Freund unserer Pauluskirche war, entfernt und durch ein russisch-orthodoxes ersetzt war. Ich habe bis heute noch nicht herausgekriegt, wer das in wessen Auftrag getan hat.
Es gibt aber auch erfreuliche Erscheinung in der orthodoxen Kirche, die nicht in diese Tendenz passen. Angenehm offen, ja ökumenisch und mit Niveau war (nach den entstellenden Darlegungen von A. Kurajeff, s. letzter Rundbrief: gefährlicher Verführer) der Vortrag des orthodoxen Theologen Ioann Swiridow aus Moskau am 26.1. Schön und ohne die befürchtete Enttäuschung war auch das Wiedersehen mit dem ‚Landpfarrer' Michail in Arsenjew am 15. November. Er war mir seit unserer letzten Begegnung im Jahre 1992 in angenehmster Erinnerung als Vertreter einer menschenfreundlichen orthodoxen Kirche und erschien mir nach 7 Jahren ganz als der alte, erkannte mich sofort wieder und freute sich ehrlich. Die offizielle Kirchenpolitik braucht die Menschen nicht zu ändern.
Ein besonderer Lichtblick aber ist Vater Walerij, ein junger (30 J.) ‚Basispriester' von Tschurkin, einem schwierigen Viertel, wo er eine Gemeinde aufzubauen hat. Er kam zu uns im Dezember '98, auf eigenen Antrieb, weil er meint, daß wir eine gute Gemeindearbeit machen und nicht so “agressiv-missionarisch“ vorgehen wie andere protestantische Kirchen. Er hat eine für einen orthodoxen Pastoren auffallend weite theologische Bildung, kennt Luther und Bonhoeffer recht gut, und ist überhaupt ein recht freier, suchender junger Mensch. Er ist, soweit es seine Zeit erlaubt, oft unser Gast, auch bei uns zu Hause, und brachte uns z.B. zu unserem Osterfest seine persönlichen Glückwünsche. Mit ihm wollen wir im nächsten Jahr ein gemeinsames ökumenisch-soziales Projekt durchführen, in diesen Zeiten in Rußland ja schon eine Seltenheit.

Unsere Sozialarbeit ist nichts weiter als die Präsenz der Kirche Jesu Christi in Rußland, dessen soziale Probleme uns einfach vor Augen liegen. Das beginnt schon gleich nach unserem Gottesdienst in der Kirche. Da verteilen wir jetzt jeden Sonntag Essen an die Menschen, die sich zu Hause kein Mittagessen leisten können, eine Ausweitung unseres sogenannten Armentisches (am 9. Mai waren darunter vier ‚Fahrende', die aus dem Kaukasus nach Kamtschatka nach Hause strebten). Überhaupt hat unser Armentisch, nun schon seit 4 Jahren eine wichtige, segensreiche Einrichtung in unserer Stadt, mit der Zeit eine Ausweitung, ja fast Konzeptveränderung erfahren. Außer am Sonntag werden wir ab nächstem Jahr zweimal in der Woche den Mittagstisch durchführen. Dazu sollen zusätzliche 100 Lebensmittelpakete denen ins Haus gebracht werden, die schlecht kommen können. Auch Medikamente werden verteilt. Das ganze Projekt, in dem es ja schon längst nicht mehr nur ums Essen ging, sondern in dem fast ein kleiner kultureller Treff entstand, aus dem unser Seniorenchor und unser Seniorenbastelkreis herauswuchs, und in dem sich Leute gegenseitig zu Haus besuchen, soll jetzt auch den Namen “Senioren-Sozialarbeit“ haben. Wir sind dem Diakonischen Werk in Deutschland hier sehr für seine großzügige finanzielle Hilfe dankbar. Trotzdem können wir auch hier noch Hilfe brauchen. Die Not hier ist zwar ein Faß ohne Boden, aber sich gegenseitig helfen hat schon in sich selbst einen Wert, belebt und aktiviert Menschen und die Gemeinde, im Sinne des oben dargestellten 'Kreislaufs der Kräfte'. Wir haben jetzt einen ‚Sozialfonds' eingerichtet, aus dem nicht nur Senioren-Sozialarbeit finanziert wird, sondern auch Hilfe mit Medikamenten, bei teueren Operationen etc., oder wie neulich bei einer Hilfsaktion für Drogenkranke, - ein weites Gebiet im hiesigen wilden Kapitalismus. Seit einiger Zeit hält auch eine Ärztin bei uns im Gemeindezentrum Sprechstunde, die wir mit einem kleinen Betrag bezahlen; am Sonntag Nachmittag kommt eine Psychologin, die mit den Frauen arbeitet. Für Stärkung dieses Sozialfonds sind wir dankbar.
Ab und zu erreichen uns besondere Hilfsaktionen, z.B. die ‚Winterhilfe' des Lutherischen Weltbundes für 98/99; sie erreichte uns, durch bürokratische Einsprüche verzögert, zwar erst im Mai, aber hat dann doch noch geholfen. Eine andere besondere Aktion war die des großen Containers mit Wäsche und Krankenhausmaterial, vom Diakoniewerk Spangenberg in der Braunschweigischen Landeskirche (Herr G. v. Starck). Das war uns, trotz der Schwierigkeiten mit dem Zoll, eine sehr große Hilfe, und wir bitten sehr um Wiederholung und Fortsetzung. Als im September in den Berg- und Waldgebieten von Primorje eine große Überschwemmung viel zerstörte, haben wir mit Mitteln helfen können, die uns der Leiter des Zentralen Kirchenamtes der ELKRAS, Siegfried Plath, bei seinem Besuch von dort mitbrachte.
Das oben erwähnte ökumenisch-soziale Projekt mit Vater Walerij von der Orthodoxen Kirche planen wir für die nächsten beiden Jahre. Geholfen werden soll der Förderschule für Behinderte, dem Kinderkrankenhaus auf Tschurkin (von Eltern ausgesetzte Kinder) und dem onkohämatologischen Zentrum für Kinder. Wer die Not an diesen Orten gesehen hat, kann sie so bald nicht vergessen. Wir hoffen hier sehr auf Unterstützung durch das Diakonische Werk in Stuttgart.
Eine Besonderheit der Sozialarbeit, schon ins rein Seelsorgerische übergehend, ist die Beantwortung all der Briefe, die uns aufgrund der Radioarbeit der Missouriesynode (Lutheranskoje weschanije) erreichen. Sie kommen aus dem ganzen riesigen Bereich meiner Propstei von der chinesischen Grenze bis zur Beringstraße vor Alaska, sehr oft aus den Gefängnissen im Magadaner Gebiet. Den Bitten um Zigaretten und besonders Tee können wir nicht nachgeben (daraus werden Rauschmittel und Drogen gemacht), wir können eigentlich nur Briefe und Literatur schicken. Aber das ist schon eine große und ernste Arbeit; drei besondere Frauen unserer Gemeinde sind damit beschäftigt: Tatjana Jurtschenko, Jewgenija Manjkowa und Tatjana Bjelikowa.
Vielleicht gehört ins Gebiet der Sozialarbeit auch die Kinderarbeit, die wir machen (z.B. Kinderzeltlager zusammen mit dem Deutschen Kulturzentrum im August), und die Jugendarbeit, die wir richtig machen wollen, wenn wir den einen Raum in der Kirche mit Hilfe amerikanischer Freunde hergerichtet haben. Wie wichtig Jugendarbeit in diesem Land ist, muß nicht extra gesagt werden. Unsere Gemeinde zieht zwar Jugendliche an, aber da muß noch etwas mehr getan werden.
Vielleicht gehört in den Bereich der sozialen Probleme auch dies: In Wladiwostok grassiert seit einiger Zeit eine heftige TBC-Epidemie. Die Kommunion aus einem Kelch beim Abendmahl wurde für viele zum Problem. Nach wirklich heftigen Debatten im Kirchenvorstand wurde beschlossen, zukünftig aus zwei alternierend gereinigten Kelch zu kommunizieren. Der Vorschlag ‚Tablett mit Gläschen' wurde glücklicherweise abgelehnt.

Nach Gottesdienst und geistigem Leben und der Sozialarbeit ist bekanntlich die dritte Säule unseres Gemeindelebens die Kultur. Kirche kann ja auch wirklich einfach schön sein. Schön sind da z.B. all die Bilder, die die Schüler der Kunstakademie zum Thema Ostern gemacht haben, und die in unserer Kirche hängen. Die kleine Ausstellung über die reiche Geschichte der lutherischen Gemeinde zu Wladiwostok in unserer Kirche dokumentiert auch ein Stück Kulturgeschichte unserer Stadt. Schön und liebevoll gepflegt ist auch unser Gemeindezentrum, der Ort auch so mancher fröhlicher Feiern bei unseren großen christlichen Festen nach Gottesdienst und Konzert.
Als Ort von Konzerten ist unsere Pauluskirche in Wladiwostok schon bekannt. Wir haben dieses Jahr wieder viele davon gehabt, nicht nur zu Weihnachten, Ostern und Erntedank. Voll bis auf den letzten Stehplatz (etwa 300 Menschen) war unsere Kirche beim Konzert am 6. Juli, als der deutsche Botschafter hier war und meine Kompositionen gespielt wurden. Von diesen wurde übrigens eine CD gemacht, die wir besonders in Deutschland und Amerika zugunsten unserer Kirche ‚verkauft' haben. Unser Chor singt jeden Sonntag und auch sonst gute Musik, leidet aber manchmal unter Krisen. Ob wir nun endlich einmal unseren Posaunenchor Zustande kriegen? Wir suchen noch Instrumente!
Unsere Kirche ist auch Ort von Vorträgen und kleinen Konferenzen. So z.B. als wir im letzten Jahr ein Symposion zu “Angst, Liebe, Tod“ hatten; die (auch von mir) gehaltenen Vorträge werden jetzt gedruckt. Vom Theologischen Abend zum Reformationsfest dieses Jahres habe ich schon erzählt. Am 18. November hatten wir im Rahmen der deutschen Kulturtage und anläßlich des Goethe- und Puschkinjahres in unserer Kirche einen Vortragsabend. Ich hatte mich zu dem Thema “Gedanken zu Goethe, Puschkin und zur Freiheit“ verstiegen, bekam angesichts dieser Riesen zunehmend erhebende Angstzustände, meine schließlich das Thema aber doch anständig gemeistert zu haben, indem ich einfach auch viel von mir selbst erzählte; redlich bei sich selbst zu sein, kann doch eigentlich immer nur interessant und überzeugend wirken. Tanja witzelte hinterher: “Manfred Brockmann, Goethe, Puschkin, und die Freiheit“. Im übrigen ist mir hier zum ersten Mal die Schönheit der Puschkinschen Poesie aufgegangen. Am 13. November hielt ich auf einer Konferenz engagierter gesellschaftlicher Kräfte unserer Stadt einen Vortrag “Unser Beitrag zum sozialen Frieden“. Zum Jahr 2000, dessen Feier manche ganz von den Beiträgen der nationalistischen Orthodoxen Kirche gestaltet sehen möchten, bereiten wir etwas vor zum Thema “Die Multikonfessionalität als bereichernder Faktor in der Geschichte Rußlands“, und zwar ist das der Wunsch von russischen Patrioten!
Zum Deutschen Kulturzentrum, das ja mit uns auf derselben Etage arbeitet, haben wir nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis. Schade, daß in ihm soviel Wechsel vonstatten geht: allein drei verschiedene Vorsitzende in diesem Jahr: Nach dem Weggang von Dima Schröder, Roman Richter, jetzt die tüchtige Tatjana Lich, von der man leider auch nicht weiß, ob sie noch lange bleibt. Das Zentrum leidet sehr unter der Auswanderung. Sehr interessant und anregend war das “Festival der Nationalkulturen in Wladiwostok“ vom 14.-17. April, schön auch wieder die “Deutschen Kulturtage“ vom 18. bis 21. November. Ein wirklicher Erfolg scheint die neue Konzeption der ‚Breitenarbeit' (mit den kostenlosen Deutschkursen auch für Russen bis weit ins Hinterland) zu sein, besonders unter ihrer neuen vielseitig gebildeten Leiterin Marina Stupnitzkaja, von Nationalität aus Jüdin und seit langem ein lebendiges Glied unserer Gemeinde. Die alte Leiterin, Ludmila Klemenko, auch ein langjähriger Freund, ist leider nach Moskau gezogen.

Noch ein kleiner Blick auf die Wirtschaft aus unserer Perspektive. Mein Arzt sagte im Dezember: “Man darf gar nicht an die Zukunft denken.“ Nun, das kennen wir, wir leben ja trotzdem noch. Und Telefonkabel werden wegen ihres Kupferwertes immer noch gestohlen (s. Letzter Rundbrief). Wenn über der Militärinsel Russkij Ostrow schwarze Rauchwolken gehen, denke ich, da wird Öl verbrannt. “Nein“, sagt mir Tanjas Sohn Dmitrij, “da verbrennt das Militär die Gummihülle seiner Kabel, um sie besser nach China verkaufen zu können.“ Ab und zu kann ich lange nicht nach Chabarowsk oder Arsenjew telefonieren, weil da die Telefonkabel wieder gestohlen sind. Neulich hatte ich mir einen längst fälligen neuen Schreibtisch ausgesucht. Ich konnte ihn nicht mehr kaufen, weil die Möbelfabrik in Lesosawodsk gerade Pleite machte.
Im August schrieb sogar unsere Zeitung von einem besonders schlimmen Sommer: 1. Taifune wie noch nie, 2. Jelzin hat den Stepaschin abgesetzt, Angstkäufe die Folge, der Rubel fällt unter die 25 Dollar Grenze (jetzt ist er schon unter 26 Dollar gefallen), 3. Umweltkatastrophe droht: aus einem Entsorgungsschiff sind bei Bolschoj Kamen Mengen an radioaktivem Material ausgelaufen. 4. Ölkrise, das Benzin wird sprunghaft teurer. Nr. 3 erwies sich als Übertreibung, hat aber doch insofern Wahrheitswert, als hier sicher viel an Umweltschweinerei verheimlicht wird. Der ungerechte, schmutzige Prozeß der Flotte gegen ihren Journalisten im Kapitänsrang Grigorij Pasko, der Veruntreuung der von den Japanern der russischen Flotte zur Entsorgung ihres Atommülls gegebenen Gelder aufgedeckt hatte, ist ein Zeichen dafür. Nr.1 ist normal und belebend, Nr. 2 haben wir auch überlebt. Nr. 4 hat uns insofern ganz konkret eingeschränkt, als Tanja und ich unseren diesjährigen Urlaub, den wir mal in Rußland verleben wollten, nicht auf den Kurilen machen konnten, weil nicht sicher war, ob wir von da zurückkämen.
Es wird aber erwiesenermaßen viel unsinnige Übertreibung in der westlichen Presse über uns gedruckt. Beispiel ist die Verschreckung unseres neuen Eparchieleiters, Bischof Sailer, Omsk, der am 9. Dezember letzten Jahres in seiner empfindsamen Art ängstlich anfragte, ob er denn überhaupt kommen und uns noch belasten dürfe, er habe in der deutschen Presse gelesen, bei uns sei der “Notstand“ ausgebrochen. Er kam auf mein Schreiben dann doch und stellte hinterher in seinem Rundbrief fest, daß es in Wladiwostok “auch nicht knapper zuging als anderswo im Land“.
Belastet hat uns natürlich hier die Kosowo-Krise, besonders die Amerikaner bekamen sie zu fühlen, es gab eine Demonstration vorm amerikanische Konsulat unserer Wohnung gegenüber.
Der neue Krieg in Tschetschenien läßt uns auch nicht in Ruhe. Die Nachricht, daß das russische Militär entgegen seinen Versprechungen Raketen auf Grosny geschossen hat, trieb unserer russischen Patriotin Irina die Schamröte und Tränen ins Gesicht: “Unsere Regierung hat gelogen.“ Als die tschetschenischen Terroristen erklärt hatten, Wladiwostok zu ihrem Operationsgebiet zu machen, bekamen wir das sofort bei der Kontrolle auf dem Flugplatz zu spüren.
In dieser politisch-wirtschaftlichen Lage muß es als ein ermutigendes Signal gewertet werden, daß der deutsche Botschafter von Studnitz vom 4. bis 7. Juli wieder mit einer großen Wirtschaftsdelegation zu uns kam. Immerhin bekam ich bei den von mir erbetenen Vorbereitungen doch etwas zu spüren, daß gerade in diesen Tagen der Gedenktag an Hitlerdeutschlands Überfall auf die Sowjetunion lag (22. Juni).

Werfen wir einen kurzen Blick in die anderen Gemeinden meiner Propstei. Über Chabarowsk kann man sich nach wie vor nur freuen. Über die vielfältigen Aktivitäten von Pastor Markus Lesinski, mit denen er so ganz den Wünschen in unserer vor drei Jahren gemachten Ausschreibung entspricht, könnt Ihr aus seinem Rundbrief erfahren. Die Gemeinde ist nun endlich am 25.12.98 registriert; das war ein schweres Stück Arbeit in Chabarowsk. Pastor Lesinski und ich haben relativ oft miteinander Kontakt, er wohnt nur 900 km von uns entfernt, da fährt man leicht mit dem Nachtzug hin. Sorgen mache ich mir allmählich darüber, was wird, wenn Markus Lesinski nun in 2 Jahren fortgeht. Verläßliche Kontinuität dort ist der verdiente Gemeindeälteste und frisch gewählte Präsident unserer Eparchialsynode Prof. Viktor Hoppe. Tschegdomin haben wir erst einmal aufgeben müssen. Igor Popow, auf den ich große Hoffnung setzte, der Deutschlehrer, der sich leidenschaftlich in Luther und Kant einliest, hat erklärt, daß er keine Lust zur Kirchenarbeit habe. Eine interessante originelle Gestalt ist der Lehrer für russische Literatur Nikolaj Iwanowitsch Omjelin aus Uktur hinter Komsomolsk-na-Amure, der dort seit Jahren eine kleine evangelische christliche Hausgemeinde hat und nun auch auf unserem Regionalseminar war. Nun haben wir also da an der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) vor Sowetskaja Gawan einen kleinen Stützpunkt.
In Blagoweschtschensk war ich von Ende Januar bis Anfang Februar. In der interessanten, relativ alten Stadt an der chinesischen Amurgrenze gibt es nicht wenige rußlanddeutsche Lutheraner, von denen aber die meisten auswandern (an einem Abend erklärten das 6 von 8 Menschen). Die Neuapostolischen, die die Rußlanddeutschen und sogar Deutschprofessoren mit ihrem ‚deutschen Programm' fangen, sowie die Freikirche Blagaja Westj (zu der der Bruder unseres Propsten Hermann Ockelt geht) und die in ihrem Gottesdienst ekstatisch tanzende Sekte “new age“ sitzen fest im Sattel. Die römische Kirche hat hier eine feste Gemeinde und kleine Kirche.
Dreimal war ich wieder in Komsomolsk-na-Amurje, Leute von dort waren auch auf unserem Regionalseminar. Ich kann die weit entfernte Gemeinde schlecht von Wladiwostok aus pastorisieren. Dort würde es sich aber lohnen. In diesen Tagen fährt Pastor Lesisnski dahin, um dort mit seinem Chor ein Konzert zu geben und auch Gottesdienst zu feiern. Er teilte mir gestern mit, daß er sich vorstellen könne, dort regelmäßig zu erscheinen. Das wäre eine großartige Perspektive und auch realistisch, denn von Chabarowsk nach Komsomolsk sind es mit dem Nachtzug nur 6 Stunden. In nächster Zeit müßte ich auch einmal nach Tschita (an der Transsib, nicht mehr weit vorm Baikalsee), ein Mann, der neulich hier war, hat mich auf die dortigen Lutheraner aufmerksam gemacht; die römischen Katholiken sind schon längst da. Auch nach Magadan Stadt, bin ich eingeladen. Außerdem erreichte mich im Juni ein Telefonanruf aus dem Goldgräberort Jagodnaja, Magadan Land, in dem eine Gruppe von aus Kasachstan dahin ausgewanderten rußlanddeutschen Lutheranen bei mir anfragte, wo der nächste lutherische Pastor zu finden sei. (Jagodnaja ist 2.500 km Luftlinie von Wladiwostok entfernt).
Unsere drittgrößte Gemeinde ist im Augenblick in Ussurijsk, der zweitgrößten Stadt von Primorje. Wir sind sehr froh, daß wir dort seit Dezember unseren ehemaligen Vikaren Iwan Tschernyschow als festangestellten Pastoren haben. Das “Projekt Ussurijsk“ habe ich durch einen Drei-Sponsorenvertrag (Central-State Synode, USA - Martin Luther-Verein - Hannoversche Landeskirche) auf fünf Jahre finanziell sichern können. Die Gemeinde ist seit dem 1. April registriert. Sie hat einen interessanten Kirchenchor, in dem neben den klassischen lutherischen Gemeindeliedern auch solche im russisch-volkstümlichen Stil, von der Leiterin Marina Barowa selbst komponiert, erklingen. Dieser Chor gab im September in unserer Kirche ein Konzert - im August veranstaltete Pastor Tschernyschow ein Kinderlager. Eine wichtige Gestalt ist Alexander Sewer, bis vor kurzem Kirchenvorstandvorsitzender, der während der Abwesenheit von Pastor Tschernyschow (Kirchentag und Theologisches Seminar des LWB in Straßburg) sehr ordentlich Gottesdienst und Predigt hielt. Leider hat es zwischen ihm (bzw. seiner Frau) und Pastor Tschernyschow in letzter Zeit Spannung gegeben, mit deren Behebung ich mich als Propst zu beschäftigen habe. Im Augenblick arbeiten wir an einem sehr interessanten Projekt “Erwerb eines alten Kindergartens zwecks Einrichtung eines kleinen Kirchenzentrums“. Mal sehen, was wird.
Last but not least Arsenjew. Dort geraten die Dinge in Bewegung. Ich hatte da schon vor Jahren ab und zu Gottesdienste gehalten. Nun trifft sich da seit Ostern diesen Jahres regelmäßig ein Kreis von Lutheranern in der Wohnung von Wolodja Zwetkow und feiert Gottesdienst, so gut er es eben versteht. Es hat sich nun gefügt, daß wir einen Menschen gefunden haben, der bereit ist, in Arsenjew zu wohnen und dort Menschen zu einer Gemeinde zu sammeln, sie zu betreuen und zu predigen. Dies ist Viktor Wassiljewitsch, er hat auf dem hiesigen Seminar der koreanischen Presbyterianer Theologie studiert, verkehrt aber schon seit fast 2 Jahren bei uns, zunächst im ewigen Theologisieren mit unserem Vikar Tschernyschow (Luther gegen Calvin), dann im Gespräch mit mir. Er hat sich nun ganz von den Presbyterianern getrennt und möchte bei uns arbeiten. Wir wollen es wagen. Er ist ein junger Mann mit innerem Feuer, das spricht sehr für ihn in dieser Zeit der Schwäche und Resignation. Natürlich muß ich noch viel mit ihm arbeiten, ihm z.B. den ‚kalvinistischen Fanatismus' etwas austreiben und ihn in die menschenfreundlichere lutherische Theologie und Frömmigkeit einführen. Aber das traue ich mir zu. Er ist am Mittwoch, 1. Dezember nach Arsenjew gezogen. Heute nacht fahre ich zu ihm, um morgen mit ihm zusammenzusein. Wir sind sehr dankbar dafür, daß wir mit Hilfe des Martin-Luther-Bundes der Gemeinde in Arsenjew ein kleines Haus (Bethaus und Wohnung des Predigers) kaufen können. In der armen Stadt Arsenjew sind die Hauspreise sehr niedrig, 2000 Dollar werden genügen.

Besuche bei uns, sie sind nach wie vor sehr wichtig. Im März besuchte uns Manfred Klaube, Geograph, der die Mennonitensiedlungen in den 20-er Jahren am mittleren Amur erforscht. Er sagte uns viel Ermutigendes über unsere Gemeinde und über die russische Jugend. Von der Universität Krasnojarsk kam Peter Schwarz zu uns, um in Wladiwostok, der Heimat seiner Vorfahren, seine Arbeit im März und April im Fernstudium fortzusetzen. Er brachte uns besonders interessante Dokumente mit, unter anderem ein zweibändiges Buch “Mein Leben“, die Autobiographie seiner Großmutter, die in Wladiwostok geboren, getauft und aufgewachsen ist, ein lebendiges Stück Geschichte unserer Stadt bis ins Jahr 1928! Wir machten diesen sympathischen Zeitgenossen und Pastorensohn zum “Ehrenmitglied“ unserer Gemeinde.
Am 26. April Dr. H. Kreft vom Auswärtigen Amt, interessanter Politologe: “Im Vergleich zu Seoul merkt man hier, daß man wieder in Europa ist. Wladiwostok ist eine europäische Stadt.“ Am 14. Mai Andreas Loquai, aufrechter Demokrat und mittelständischer Unternehmer aus Bayern. Er scheint gern an uns zu denken, am 3. Dezember hat er über 50 Minuten mit mir aus Deutschland telefoniert! Im Fax vom 19. Juni: “Wladiwostok war für mich nur ein Name und ein Traum. Die Eindrücke und die Begegnungen in nur 2 Tagen gehören zu den großartigsten, die ich auf vielen Reisen erlebte.“
Vom 3. Bis 11. Juni besuchte uns Pastor Hans Schmidt vom Gustav-Adolf-Werk in Leipzig, einer unserer großen Freunde und Förderer, um vor Ort zu erleben, wie seine Förderungen angeschlagen sind. Wir reisten kreuz und quer durch die Propstei von Ussurijsk und Arsenjew bis nach Komsomolsk über Chabarowsk. “Reisen mit Herrn Schmidt“ nannten wir das Unternehmen spaßig, es war sicher anstrengend genug: 5 Nächte hintereinander verbrachten wir nur im Zug, um am Tag am Ort zu sein.
In dieser Zeit der Fahrenden erreichten uns wieder die Motorradfahrer, die sich quer durch den eurasischen Kontinent zu uns durchschlagen: am 30. Juni Erwin Thomas, ein kluger Beobachter und interessanter Gesprächspartner, der hinterher sagte, sein negatives Kirchenbild sei durch uns zumindest etwas “angekratzt“, und ebenfalls im Juni Helmut zum Felde mit seinen Kameraden, durch die ich dann die interessante Bekanntschaft mit der hiesigen Motorradband, den “Vladivostok-Tigers“ machte (großes Motorradtreffen vor unserer Kirche) ...
Im Juni war hier eine deutsche Touristengruppe unter Herrn Beyer, und Anfang Oktober kam wieder die Reisegruppe des Hamburger CVJM: Ehepaar Rolfes, Herman Backe, Eva Ch. Garrett, Karla Baron und Irene Wehlow - nette sehr mutige und lebensfrohe Leute, die unserer Gemeinde in guter Erinnerung sind.
Vom 4. bis 7. Juli der deutsche Botschafter, am 6. August Dr. Kristof vom Moskauer Konsulat, am 14. Oktober der Schweizer Botschafter. Vom 27. Juli bis 10. August meine Töchter Clara und Constanze, vom 1. bis 2. August der Rektor unseres theologischen Seminars in St. Petersburg, Dr. hc Stefan Reder und Frau Natalja. Der lang angekündigte Besuch von P. Dr. S. Plath, dem Leiter des Zentralen Kirchenamtes der ELKRAS, fand vom 12. bis 16. Oktober statt, und wir hatten wirklich schöne Tage mit ihm und seiner sympathischen Referentin Irina. Am 6. November fand ein lutherischer Italiener aus Venedig unsere Pauluskirche. Auf unserer Konferenz zum Reformationsfest und danach hatten wir bei uns den interessanten und klugen Engländer Dr. Philip Walters vom “Keston Institute“ zu Gast (dies gibt uns wichtige Informationen über Verletzungen der religiösen Freiheit auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR).
Nicht zu vergessen auch die häufigen Besucher aus den USA. Darunter besonders John Cassel, der jetzt regelmäßig unseren Gottesdienst besucht, oder Pastor Douglas Larsson aus Denver/Iowa (21.11.) und dessen Tochter Joayne, die 2 Jahre im Auftrage des Peace Corps in einem kleinen Dorf nördlich vom Komsomolsk lebte! Am nächsten Sonntag erwarten wir den Besuch von Pastor Jeff Frohner, Silverdale Lutheran Church, WA, der hier ein Kind adoptiert und es in unserer Pauluskirche taufen lassen will.
Zum Schluß noch ein möglicher Gast aus Frankreich: da fand ich bei meiner Rückkehr Anfang Oktober ein Fax aus Montigny-les-Metz von einem Dr. Lafourcade vor, der fragt, wann die beste Besuchszeit bei uns sei, “russische Kameraden“ hätten ihm von uns erzählt...
Beim Thema Besuche kann ich auch an mich selbst denken. Seit 1996 besuchte ich dies Jahr zum ersten Mal wieder unsere Freunde in den USA, diesmal mit meiner Frau Tatjana (31.8.-4.10.). Wir reisten von San Franzisco bis New York quer durch die Staaten. Welch überwältigend herzlicher Empfang überall, welch eine Anteilnahme am Leben und welches Engagement im Aufbau der Lutherischen Bruderkirche am anderen Ufer des Pazifik! Diese Reise hat sich wirklich gelohnt. Ich nenne jetzt einfach ein paar Namen und bin da schon beim Thema “Dank an unsere Freunde und Helfer“. Jeder weiß, was er für uns bedeutet.
Bob und Nancy Metzger, Sacramento (Bob war oft bei uns in Wladiwostok), - Pastor Ross Merkel, St. Paul Lutheran Church, Oakland, San Franzisko (Virginia Eggert aus seiner Gemeinde hat uns einmal besucht), - P. Philip Rue, Gloria Dei Church, Olympia (Janet Clark aus seiner Gemeinde ist gerade wieder hier), - P. Jim Riede, United Lutheran Church und P. Marc Woldseth; Gloria dei Church, beide Tacoma, WA, - Bischof Wold und Bischof Maier, - dann vor allem Pastor Daniel Bohlin, Church of the Master, Sacramento (er hat gerade ein Benefizkonzert für uns veranstaltet) Bob Shelburn, - P. Jeff Benson und P. Wayne Weissenbühler, Bethany Church, Denver, CO, - Don Christiansen, - Pastor Loren Mai, Bob Leonard und die famose, sympathische Dorothy Hannah, alle Immanuel Church, Salina , KS, - Ron Mac Lennan und der Präsident des Lindborg-theological college Christopher Thomforde (der dadurch so bemerkenswert ist, daß er schon 1971 in Wladiwostok war und unsere Kirche sah!), - P. Würtz und natürlich Bischof Charles Maahs und Frau Pauline, Kansas, KS (“my God, it's the bishop!“. Er hat mich zum nächsten Jahr auf seine Synode eingeladen), - dann natürlich P. Larry Hoffsiss und seine Frau Cindy und Bob Hein, Dayton, Ohio, - unser ganz großer alter Freund David Hunden (im Brief von 17.3. “I want to let you know that you have helpers here” - wie gut das tut!) und P. Alan Goertemiller, Indianapolis, - die alten Freunde Ernst und Carolyn Hillebrand und Bob Hartman, Fremont, Ohio, - P. Ken Wilson, Willard, Ohio, - unser ganz großer Freund und Helfer Steven Brogger aus Tennessee, - in Pennsylvanien P. Daniel Biles, der unser ‚Agent' in Amerika wird, wenn Larry September 2000 in Pension geht, - besonders herzliche, interessante Anteilnahme spürten wir bei Susan Hedal, Professorin für Praktische Theologie am Gettysburgh Theological Seminary, sie wird uns bald besuchen, - die Professoren Crumb, Oldenburg, und Christensen und Pastor Foltz, Gettysburgh, - in unserer Partnergemeinde Christ-Church Baltimore trafen wir wieder Pastor John Sabatelli und Lee Nyberg, Edgar Schick und Nancy, von dort haben wir Besuch zu erwarten, - besonders freute uns der Besuch bei dem großen Mann, der den Grund zu unseren Amerikafreundschaften legte, Professor Gerhard Krodel und seiner Frau Joan, Gettysburgh, - in Trinity Church, Camp Hill, PA, P. Stewart Hardy und die eindrucksvolle Judy Hunter, bei der wir wohnten, - in New York schließlich waren wir in der Immanuel Lutheran Church bei P. Fryer und Frau (hier wurde viel Musik gemacht). Wir haben aber noch mehr gute Freunde in Amerika, die wir diesmal nicht besuchen konnten, so z.B. P. Jonathan Rockey, Palmer, Alaska.
Die andere Hälfte unserer Freunde lebt in Europa und hier zumeist in Deutschland. “Wladiwostok zwischen Deutschland und Amerika“. Auch hier nenne ich einfach Namen, auch hier weiß jeder selbst, was er für uns bedeutet. Allen voran Hartmut und Helga Lubomierski, dann Pastor Claus-Friedrich Dierking und seine Frau Marlies. Weiter Eckart und Carina Fliedner, Prof. Ulfrid Kleinert, Frau Hanna Kunde, Dirk Lauermann, P. Alfred Schwach und Frau Beatrice im Elsaß, Torsten Grieß-Nega, Harald und Frauke Just, Kay Kraack, Jörg Diener, Dietrich Bantel, Wolfgang Drautz, Schwester Anita de Vries, die deutsch-russische Gesellschaft Salzgitter, P. Otto Pfingsten und seine Gemeinde, Bischof Krause, Braunschweig, Andreas Loquai, Margrit Pfister, der Martin-Luther Bund mit seinem sympathischen Generalsekretär P. Dr. Stahl, das Gustav-Adolf-Werk mit unserem Freund P. Hans Schmidt, der Martin-Luther-Verein mit seinem energischen Vorsitzenden P. Hans Roser, ich danke auch wieder sehr meiner Heimatkirche, der NEK, OKR Rohrandt und OKR Gillert sowie der EKD, dem Diakonischen Werk, dort Frau Ferrantini, Frau Wiesenecker und Herrn Potratz, ich nenne weiter Gregor Angelis, Frau Gisela Schäfer, Wolfgang Hagen, Frau Hamburger, P. Uwe Haberlandt, Ulrike Landwehr, Ingo Rüßmann, Gisela Welke, Herta Wiese, Lotte und Paul Mertens, Caspar und Susanne Tugel, G. Roschek, Marina und Uwe Kelle-Muche, Michael Sender, Rolf Schneider, Thomas Klein, Friedrich Meyer, und last not least Dr. E. J. von Studnitz, deutscher Botschafter in Moskau. Aus dem weiteren Ausland: John Logie, Schottland, - Jacques Temple, Frankreich, - Jakob Hjalmarsson, Island, - Bischof Filo, Slowakei, - Ulrich Plüddemann, Südafrika, - Anne Leahy, Kanada - Gert Schmocker, Schweiz, - Olli-Pekka Lassila, Finnland, z.Zt. LWB. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Besonders gern denke ich auch an meinen Amtsbruder Christian Rassmann, Kasachstan, dem ich nun endlich auf der Generalsynode im Mai begegnet bin. Ich habe seinen autobiographischen Roman “Kadett Rubke“ mit größter Anteilnahme gelesen.

Allen herzlichen Dank für ihre Hilfe! Wir bemühen uns zwar um den Weg zu einer irgendwie möglichen finanziellen Selbständigkeit, wir haben ein Kirchgeld eingeführt, wir haben einen Spendenkasten in der Kirche, wir haben unsere Kollekten, wir bemühen uns weiter um die ominöse Zahnfabrik (es scheint jetzt etwas voranzugehen) etc., - aber wir brauchen weiter Eure Hilfe!

Darf ich zum Schluß noch ganz kurz von mir persönlich erzählen? Also, ich befinde mich seit dem 1. September dieses Jahres in Pension. Das heißt aber nicht, daß ich hier zu arbeiten aufhöre, im Gegenteil, dieser etwas vorzeitige Schritt wurde getan, damit ich nun ganz frei für unsere lutherische Kirche in Rußland bin. Meine Frau sagt mir manchmal: “Du sollst nicht soviel arbeiten, Du bist doch jetzt in Pension.“ Aber ich finde nicht, daß ich “soviel“ arbeite, ich müßte eigentlich noch mehr tun. Ich spiele jetzt wieder viel Geige und trage mich sogar mit dem Gedanken, noch einmal etwas Unterricht zu nehmen. Musik, wie auch Musikschreiben ist mir außer der Liebe und dem Leben wichtig.
Tanja und ich gehen viel Spazieren oder etwas Wandern. Abends lesen wir oft gemeinsam.
Wir haben oft Gäste und Feste, wo wir nicht nur fröhlich essen und trinken, sondern auch Musik machen, gemeinsam singen und uns mal etwas vortragen (ich bin immer wieder überrascht, wieviele Menschen in Rußland Gedichte auswendig kennen). Morgens lesen wir gemeinsam in der Bibel. Wenn ich mich sehr erholen will, verschwinde ich mit meinem Zelt für eine Nacht und zwei halbe Tage in den Bergen. Über der Stadt kann ich morgens gut laufen. Seit dem 7. Oktober bin ich Großvater, Tanjas Sohn Dimitrij hat eine Tochter, Marina, bekommen. Vom 27.7. bis 10.8. waren meine Töchter Clara und Constanze bei uns zu Besuch.
Tanja hat im Augenblick leider keine Arbeit (ihre Bank hat Pleite gemacht), wird aber bald wieder Arbeit haben. Seit dem 20. Januar habe ich ein sogenanntes Wid-na-Schitelstwo auf fünf Jahre, das ist ein russischer Paß für Ausländer, der ihnen die gleichen Rechte wie allen russischen Bürgern gibt, außer denen zur Wahl und zum Kriegsdienst. Ein selten vergebenes, angenehmes Dokument. Im August verlor ich auf einem kleinen Zelturlaub mit Tanja mein ‚Taize-Kreuz'. Das traf mich schwer. Ich suchte es, und fand es am Tage vor meinem 62. Geburtstag doch tatsächlich wieder. Es ist mir wie ein Zeichen. Als ob mir meine Zeit in Rußland neu geschenkt wäre.

So grüße ich Euch herzlich zu Weihnachten, dem Geburtstag des Gottessohnes Jesus Christus,

Euer



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