Vladivostok im Fernen Osten

Elart v. Collani



Wenn man von Ostasien spricht, denkt man vor allem an China, Japan und Korea und vergißt dabei vollkommen den Fernen Osten Rußlands. Nur wenige Autostunden von Korea, zwei Flugstunden im Osten von Peking und eine gute Flugstunde von Hokkaido entfernt liegt die Stadt Vladivostok, die Beherrscherin des Ostens, Hauptstadt der Primorye Region mit ca. 700.000 Einwohnern. Die Stadt Vladivostok feiert dieses Jahr ihr 140-jähriges Bestehen. Von Beginn an war sie eine multinationale, multikulturelle und global ausgerichtete Stadt, in der neben Angehörigen vieler Nationen, vor allem Deutsche die Geschichte der Stadt prägten. Zwischen 1918 und 1922 war Vladivostok von der japanischen Armee besetzt, und von 1948 bis 1992 militärischer Sperrbezirk.

Unter den Deutschen von Vladivostok ist zweifellos die Kaufmannsdynastie Kunst und Albers am bekanntesten. Kunst & Albers bauten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Vladivostok ein weltumspannendes Handelsimperium auf. Neben ihnen sind vor allem die deutschstämmigen Militärgouverneure von Vladivostok und der Primorye Region zu nennen. Einer von ihnen war der Vize-Admiral Gustav v. Erdmann, der 1875 als Militärgouverneur und Oberbefehlshaber der Russisch-Pazifischen Flotte in den Fernen Osten geschickt wurde. Gustav v. Erdmann erkannte die strategisch hervorragende Lage Vladivostoks und legte den Grundstein zum Ausbau der Stadt als Hauptquartier der Russisch-Pazifischen Flotte.

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Admiral v. Erdmann war mein Urgroßvater, und als ich auf Einladung der Russischen Akademie der Wissenschaften (Abteilung Ferner Osten) nach Vladivostok kam, wurde ich von der Regierung der Primorye Region in einem sehr guten (Regierungs-)Hotel untergebracht. Der für Wissenschaft zuständige Vize-Gouverneur lud mich zu einer Diskussion und einer Pressekonferenz ein. Das staatliche Asen'yev Museum bemühte sich in rührender Weise um mich, die älteste wissenschaftliche Gesellschaft Vladivostoks, die Geographische Gesellschaft von 1888, zeigte mir ihre Schätze. In der staatlichen Universität Vladivostoks wurden an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und an der Fremdsprachlichen Fakultät der normale Lehrbetrieb unterbrochen, um Veranstaltungen mit mir durchzuführen.

Den größten Eindruck auf micht machte allerdings eine ganz andere Institution in Vladivostok, von deren Existenz ich nicht einmal geahnt hatte. In Vladivostok existiert eine sehr lebendige evangelische Gemeinde, die Paulusgemeinde, deren Kirche zentral gelegen ist und die einfahrenden Schiffe mit ihrem goldenen Kreuz schon von weitem begrüßt. Pastor der Paulusgemeinde und evangelischer Probst eines riesigen Gebietes, ist Manfred Brockmann. Pastor Brockmann kam 1992 nach Vladivostok und sammelte mit einigen Schwierigkeiten die versprengte Gemeinde mit ihren verunsicherten Mitglieder um sich. Er kämpfte um die Rückgabe der Pauluskirche und erlebte so die russische Gerichtsbarkeit aus eigener Erfahrung. Im Moment ist die Pauluskirche eine Baustelle, auf der es nur langsam vorangeht, wobei die Fortschritte vor allem von den eingehenden finanziellen Mitteln bestimmt werden. Jede für die Renovierung der Pauluskirche gestiftete Mark und jeder gespendete Euro kann im Fernen Osten viel bewegen. Pastor Brockmann lud mich zu sich ein, und das Abendessen mit ihm und seiner Frau Tatjana, genauso wie eine Freitagabendandacht in der Pauluskirche waren für mich denkwürdige Begebenheiten. Besonders nahe fühlte ich mich der Paulusgemeinde, als Pastor Brockmann mir berichtete, daß mein Urgroßvater die Gemeinde gegründet hat.

Vladivostok im Dreieck zwischen Japan, Korea und China ist gleichzeitig

Die Primorye Region besitzt eine einzigartige Flora und Fauna. Die Sommer sind subtropisch, während in den Wintern beinahe sibirische Kälte herrscht. Daneben ist Vladivostok das wissenschaftliche Zentrum des russischen Fernen Ostens.

Mit diesen vielen wichtigen Funktionen ist Vladivostok auch für das Siebold-Forum von großer Bedeutung. Daher wird das Siebold-Forum alles versuchen, Verbindungen nach Vladisvostok zu knüpfen und auszubauen. Zu diesem Zweck werden wir als erste Maßnahme in unserer homepage eine Sektion für Vladivostok einrichten.

Die erste Adresse in Vladivostok für uns ist natürlich die Paulusgemeinde. Probst Brockmann, der auch als Honorarkonsul die Bundesrepublik Deutschland im Fernen Osten vertritt, verfaßt am Ende jeden Jahres einen Rundbrief, in dem die Ereignisse des vergangenen Jahres geschildert werden. Den Rundbrief des Jahres 1999, der einen hautnahen Eindruck von der Lage und den aktuellen Problemem in Vladivostok gibt, veröffentlichen wir an dieser Stelle und hoffen, daß die Leser sich angesprochen fühlen und sich am Aufbau einer evangelischen Gemeinde in Ostasien beteiligen.


Würzburg, September 2000