Bericht von Herrn Uchida aus Japan

Aufenthalt in einer deutschen Familie mit 65 Jahren


Einleitung

Seit 1997 habe ich einmal pro Woche Deutschunterricht. Ein Werbespot auf dem Fernsehsender NHK über ein Sommerstudium der deutschen Sprache an der Universität Wien veranlaßte mich zu einem Gespräch mit Jan Pomykol, meinem Deutschlehrer. Dieser erzählte mir von Herrn von Collani aus Würzburg, der Professor an der Universität Würzburg und Japanern sehr freundlich gegenüber ist. Herr Pomykol sagte mir, daß ich eine Weile in Würzburg wohnen und dort Deutschunterricht bei einer Lehrerin nehmen könnte. Da ich das für eine gute Gelegenheit hielt, entschied ich mich für die Reise.

Ich war vorher bereits zweimal in Deutschland gewesen: 1978 war ich aus beruflichen Gründen nach Frankfurt, Köln und Hamburg geflogen, 1994 hatte ich Berlin Dresden und München besucht.


Hauptteil

Am Morgen des 12 Juli 1999 kam ich am Frankfurter Flughafen an. Es war das erste Mal, daß ich in Frankfurt auf dem Flughafen war, da ich 1978 mit dem Zug aus Basel gekommen war.
In Frankfurt liegt der Bahnhof direkt neben dem Flughafen. Das ist zum Umsteigen sehr praktisch. Man erreicht Würzburg mit dem IC in etwa einer Stunde.
Vor dem Hauptbahnhof in Würzburg zeigte ich einem Taxifahrer die Adresse, und zehn Minuten später stieg ich bei dem Haus aus, in dem Herr von Collani wohnt. Ich sah die japanische Flagge, was mich so begeisterte hat, daß ich sie sofort fotografierte. Als ich beruflich unterwegs gewesen war, hatte ich dasselbe erlebt, aber dies war eine Individualreise, deshalb war die japanische Flagge eine große Überraschung für mich.


Über die Familie von Collani


Herr von Collani mit seiner Tochter
Sina auf der Terrasse
Die Familie von Collani wohnt im vierten Stock eines fünfstöckigen Hauses. In ihrer Wohnung hängt ein großes Bild des Großvaters/Urgroßvaters in Uniform. Die Familie benutzt den Eßtisch der Großmutter, und auf der Terrasse wachsen eine Birke und eine japanische Zeder, die Herr von Collani aus Japan mitgebracht hat.

Ich wohnte in der Wohnung im Parterre. Dort gibt es vier Zimmer; in einem wohnt Herr von Collanis Tochter. Die Diele, das Badezimmer, die Toilette und die Küche werden gemeinsam benutzt. Mein Zimmer ist mit einem Bett, einem Schreibtisch, einem Schrank und einem Waschbecken möbliert.

Meistens aß ich mit der Familie. Sie besteht aus Herrn Collani, seiner Frau Claudia, ihrem ältesten Kind Tora, dem mittleren Kind Sina und dem Sohn Arno, also aus fünf Personen. Die Namen Tora und Sina sind Kanji, der Name Arno bedeutet auf Deutsch Adler.
Herr Professor von Collani und seine Gattin Claudia sind sehr nett und haben oft Gäste. Tora ist sehr groß und eine hübsche Studentin. Während Sina eher munter ist, machte Arno einen ruhigeren Eindruck auf mich.


von links: Sina, Tora, Elart, Arno,
Claudia und Mitsuru im Eßzimmer
Beim Essen bringt die ganze Familie die Gerichte zu Tisch. Herr von Collani bringt das Bier und den Kaffee. Es hinterließ einen starken Eindruck bei mir, daß er seiner Frau zuerst eingoß.
Nach dem Abendessen sprach Herr von Collani beim Frankenwein über deutsche Gewohnheiten und deutsches und japanisches Gedankengut. Wir kamen zu dem Ergebnis, daß alle Menschen gleich sind.


Meine Eindrücke von Würzburg

Würzburg ist so ähnlich wie Prag und Krakau, wie aus Andersens Märchen.
Beiderseits des Mains liegt die Stadt mit dem Marienberg im Westen. Man kann im Wald spazierengehen und Schiffe mit verschiedenen Fahnen sehen. Direkt am Main findet man einen Campingplatz, Schiffe liegen am Ufer und man kann reiten gehen. Nicht nur junge Leute fahren gern Rad, sondern auch ältere.
In der Altstadt sind besonders die Residenz und der Dom erwähnenswert. Fünf Straßenbahnlinien fahren zwischen 4.30 und 2.00 Uhr nachts. Die Universitätsstadt mit den vielen Kaufhäusern hat 150.000 Einwohner.
Im Sommer ist es mit 22,3°C sehr kühl; man kommt ohne Heizung aus, aber morgens und abends tragen viele Leute Jacken.
Als ich nach einer Fahrt nach Berlin hierher zurückkam, empfand ich Würzburg als mein Zuhause. Sollte man mich fragen, welche Stadt in Deutschland ich am liebsten habe, würde ich nur “Würzburg“ antworten.

Wie ich feststellen mußte, gibt es einen großen Unterschied zwischen Japan und Deutschland: am Samstag nachmittag und den ganzen Sonntag sind alle Geschäfte geschlossen. Deshalb kann man dann kein Wasser kaufen, nur die Restaurants haben offen. Am Wochenende kaufen viele Leute auf dem Marktplatz Lebensmittel und bringen dazu ihre eigenen Taschen mit.
In der Stadt gibt es keine Getränkeautomaten, was für Japaner sehr unpraktisch ist. Allerdings liegen auch keine leeren Getränkedosen auf der Straße herum, was ich als äußerst beschämend für die japanische Konsumgesellschaft empfand.
In Würzburg benutzen sehr viel weniger Leute Handys als in Japan.
Vor 50 Jahren fuhren in Deutschland alle Leute Volkswagen, jetzt meistens Golf. Herr von Collanis Auto ist ein Renault.
Im Sommer fährt man in den Urlaub, dann gibt es auf den Autobahnen Staus.
Jedes Jahr im Sommer fährt die Familie von Collani mit ihrem kleinen Bus für einen Monat nach Norditalien.
Ich reiste in dieser Zeit mit dem Europaß. Eine Angestellte der Deutschen Bahn druckte mir die Fahrpläne aus.

Viele junge Frauen in der Stadt tragen Jeans und T-shirt und haben immer einen Rucksack dabei, was sehr praktisch ist.

Ein weiterer großer Unterschied zwischen Japan und Deutschland ist, daß die Lebensmittel viel billiger sind. Das gilt besonders für Fleisch, Milchprodukte und Gemüse.
Ich bewundere das gute deutsche Sozialsystem.


Das Leben bei einer deutschen Familie

Ich bekam von Herrn von Collani ein Programm mit verschiedenen Terminen.
Das Programm für den 13. Juli sah folgendermaßen aus:

Frühstück bei Familie v. Collani 8:00 - 8:30 Uhr

Uhr Stadtrundfahrt 1. Teil
Residenz, Dom, Marktplatz 9:30 - 13:00

Mittagessen bei Familie v. Collani 13:00 - 14:00 Uhr

14:00 Uhr Martin von Wagner Museum
Sonderausstellung in der Antikensammlung: Goethe, die Antike und Martin von Wagner

Abendessen bei Familie v. Collani 19:30 - 20:30 Uhr

14. Juli
19:00 Uhr: Deutsch Konversation, Frau Stefanie Stolz

Ich erhielt für fast jeden Tag ein solches Programm.
Ein wichtiger Termin war das Universitätsfest am 16. Juli.

Tora, Claudia und Sina
beim Grillfest
Am nächsten Tag feierte die Karateabteilung der Turngemeinde Würzburg eine Grillfete.
Am 23. Juli fand in Bamberg eine Tagung statt, an der Herr Takahashi von der Universität Tokyo teilnahm. Danach kam er nach Würzburg und ich besichtigte mit ihm und seiner Frau die Residenz.
Am nächsten Tag fuhren wir mit Herrn Teraoka aus Nagoya nach Rothenburg und besuchten am Abend eine Weinprobe.
Am 25. Juli waren Herr Iwawaki und ich zu Frau Roos eingeladen, die ich auf dem Grillfest kennengelernt hatte. Ihr Mann ist etwa 40 Jahre alt und arbeitet mit Computern. Die Familie mit drei Kindern wohnt in einem Haus, an dem Herr Roos sieben Jahre lang gebaut hat. Es liegt etwa zehn Kilometer von Würzburg entfernt.
Ich aß selbstgebackene Torte und faltete mit den Kindern Origami. Beim Spaziergang über ein großes Feld und im Wald fühlte ich mich an van Goghs Bilder erinnert. Gutgelaunt nahmen wir das Abendessen ein, und zum Abschied schenkten mir die Kinder selbstgemalte Bilder als Souvenir.
Ich genoß es sehr, bei dieser tollen Familie zu sein.


Über das Deutschlernen

In Nissin war ich in der 'Abteilung zum kulturellen Austausch' im Rathaus angestellt. Das Leben in Japan ist heutzutage sehr viel einfacher als damals, als ich noch ein Kind war. In der Zeit zwischen 1944 und 47 gab es oft nicht genug zu essen, und ich konnte mir damals nicht vorstellen, daß es uns einmal so gut gehen würde.
Wenn die Menschheit einmal in Frieden zusammen lebt, wird es wichtig sein, Fremdsprachen zu beherrschen, um einander zu verstehen zu können. Aus diesem Grund werden in Nissin Deutschkurse angeboten.

Für den Deutschunterricht während meines Aufenthalts in Würzburg stellte mir Herr von Collani die Gymnasiallehrerin und Mutter zweier Kinder Stefanie Stolz vor.
Wir benutzten das “Lehrwerk für Deutsch als Fremdsprache, Kursbuch 1“. Der Unterricht fand auf Deutsch statt. Dazu stellten wir uns verschiedene Alltagssituationen vor, die wir durchsprachen. Wenn ich sie nicht verstand, zeigte mir Frau Stolz Bilder, anhand derer sie mir vieles erklärte. Statt einer Tafel verwendete Frau Stolz, die übrigens sehr fleißig und anspruchsvoll ist, ein Din A4-Heft.
Den Unterricht mußte ich vor- und nachbereiten. Das Lernen unterbrach ich in dieser Zeit nur für die Mahlzeiten. Die Stunden fanden in Frau Stolz' Haus statt, das drei Kilometer von meinem Zimmer entfernt war. Ich erreichte es zu Fuß oder mit der Straßenbahn.
Manchmal konnte ich mich während des Unterrichts bei ihr umsehen und entdeckte eine Spülmaschine. Das ist noch ein großer Unterschied zwischen Deutschland und Japan.

Viele Leute fragen mich nach meinen Erfolgen beim Deutschlernen. Ich kann nur folgende Antwort geben: Ich glaube nicht, daß es zum Deutschlernen eine spezielle Methode gibt. Es dauert sehr lange und man muß sich einen starken Willen bewahren.
Natürlich ist es sehr schwierig, in meinem Alter noch mit einer neuen Sprache anzufangen, und es wird wohl recht lange dauern, aber ich möchte wenigstens ein bißchen Deutsch sprechen.


Nach meinem Aufenthalt in Würzburg; 2. August bis 16. August

Bevor ich nach Japan zurückflog, besuchte ich die Städte Innsbruck, Salzburg, Wien, Budapest, Zagreb, Ljubljana, München, Bamberg und Regensburg. Während dieser Fahrt sah ich viele chinesische und junge koreanische Touristen.
Sehr überrascht war ich, als ich feststellen mußte, daß man bei der Citybank mit einer japanischen Karte Geld aus dem Geldautomaten holen kann, der Kontoauszug auch Yen anzeigt und die Anzeige in verschiedenen Sprachen möglich ist. Im Hauptbahnhof kann man zudem japanische Zeitungen kaufen.

Sehr herzlich bedanken möchte ich mich bei den Familien von Collani und Roos.


Schluß

Ich halte es für sehr wichtig, daß es zwischen unseren beiden Nationen einen regen Austausch von vor allem jungen Leuten gibt und möchte mit diesem Bericht ein wenig dazu beitragen.


Nagoya am 11.12.1999

Mitsuru Uchida