Meine Entscheidung für Würzburg


Vor fünf Jahren, als ich an der Musikhochschule Gesang studiert habe, bin ich zum ersten Mal mit der deutschen Sprache in Berührung gekommen. Das Deutsche Lied ist ein wesentlicher Bestandteil in der musikalischen Erfahrung der Japaner, weswegen Musikstudenten es wie selbstverständlich als Fach studieren. Ich habe diese Erfahrung bei dem Lied “An die Musik“ gemacht, dem Gedicht von Franz von Schober, das Franz Schubert vertont hat, und zwar, als ich es selber zum ersten Mal gesungen habe. Bei dieser Gelegenheit fand ich das Deutsche Lied interessanter als die italienischen Lieder, die ich bis dahin gesungen hatte, weil mir der Klang der deutschen Sprache, die ich beim Vorlesen von Gedichten von meiner Lehrerin gehört hatte, und die melodiöse Musik vertraut erschienen.
Und gleichzeitig habe ich Lust bekommen, mir Deutsch anzueignen.
In der Kirche, die nicht weit von unserer Wohnung entfernt ist, habe ich vom Pastor Deutsch gelernt. Während ich allmählich Fortschritte machte, wuchs mein Interesse für Deutsch. Ein Kollege aus dem Deutschkurs hat mir eine Gesellschaft für Freunde der deutschen Kultur, den Nagoya Kreisel, vorgestellt. Dieser hat Beziehungen zum Neuen Siebold-Forum. Beim Kreisel habe ich Deutschland von verschiedenen Seiten kennengelernt. Zum Beispiel haben wir, etwa 40 Mitglieder, alle zwei Monate Vorträge von Deutschen gehört, Filme aus Deutschland gesehen oder manchmal deutschen Wein und deutsches Essen genossen. Durch die Berichte von Mitgliedern wurde mein Wunsch nach einem Studium in Deutschland immer stärker.
Ich habe mir einen Herzenswunsch erfüllen können: Dank eines DAAD-Stipendiums konnte ich vom 1. August bis 22. September an dem Sprachkurs des Goethe-Instituts Mannheim teilnehmen. Da ich schon Mitte Juni meine Magisterarbeit eingereicht habe, blieb mir bis zum Beginn des Sprachkurses genügend Zeit, um im Juli in Deutschland eine Reise zu machen. Ihr Hauptzweck war, meine Freundinnen in Bonn, Potsdam und München zu besuchen. Als der Vorsitzende des Nagoya Kreisels, Herr Nobuyuki Teraoka, von meinen Reiseplänen erfuhr, gab er mir die Kontaktadressen vom Neuen Siebold-Forum und von Herrn Professor Dr. von Collani.
Mio Suzuki und Sina von Collani vor der Würzburger Residenz Ich war noch nie in Würzburg gewesen, und da ich im Gegensatz zu den anderen Orten, die ich besuchte, in Würzburg keine Bekannten hatte, fuhr ich mit gemischten Gefühlen nach Würzburg. Als ich von Bonn am Würzburger Hauptbahnhof angekommen bin, haben Herr Professor Dr. von Collani und seine Tochter Sina mich abgeholt. Als wir vom Hauptbahnhof zum Haus von Herrn Professor Dr. von Collani gefahren sind, habe ich durch das Autofenster die Festung Marienberg, die ich bis dahin nur auf dem Foto gesehen, betrachtet, und ich fühlte mich zutiefst berührt: “Ach, ich bin endlich in Würzburg angekommen.“
Vom 3. bis 8. Juli habe ich bei der Familie Ebert in Lindelbach gewohnt. Ich wurde von der ganzen Familie herzlich empfangen, und es war ein sehr angenehmer Aufenthalt. Ich finde, daß die Zeit in Deutschland allgemein langsamer vergeht als in Japan, wie ich schon bei meinem letzten Aufenthalt in München gedacht habe. Das fühlte ich besonders stark in Lindelbach. Obwohl es schon fast neun Uhr abends und immer noch hell war, bin ich nach dem Essen mit der Familie Ebert durch die Kornfelder spazierengegangen. Das ist eine unvergeßliche Erinnerung bei diesem Aufenthalt in Deutschland. Vor dem Abflug nach Deutschland war ich von der Magisterarbeit völlig erschöpft, aber in der ruhigen Zeit in Lindelbach habe ich mich langsam erholt, zum Beispel durch eine gute Unterhaltung, leckeres Essen, Spaziergänge und Flöten- und Geigenkonzerte.
In Heidelberg wollte ich eigentlich ab 2001 Musikwissenschaft studieren, aber dank des Rats von Frau Dr. Ebert konnte ich mit Herrn Professor Dr. Ulrich Konrad, dessen Spezialgebiet Richard Wagner in naher Beziehung zu meinem Spezialgebiet, den Liedern von Hugo Wolf, steht, Kontakt aufnehmen. Die wichtigsten zwei Punkte, warum ich Würzburg als meinen Studienort ausgewählt habe, sind erstens, daß das Neue Siebold-Forum mir sicher ein großer Halt sein wird und zweitens glaube ich auch, daß ich mich mit Herrn Professor Dr. Ulrich Konrad gut verstehen werde.
Allen Mitgliedern des Neuen Siebold-Forums, angefangen mit Familie von Collani und Familie Ebert, danke ich für diese wunderbare Gelegenheit von ganzem Herzen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir für meinen Aufenthalt in Würzburg ab März 2001 einen guten Rat geben könnten.

Nagoya am 15.11.2000

Mio Suzuki